Sonntagspredigt vom 29. März 2020

Predigt aufgrund von Hebräer 13, 14

Liebe Schwestern und Brüder in Kirchdorf!

Wenn ich auch heute nicht von Angesicht zu Angesicht mit Euch Gottesdienst feiern kann, so freue ich mich doch darüber, dies auf diesem Wege tun zu können, und grüße Euch ganz herzlich!

Gnade sei mit euch,
von Gott unserem Vater
und unserem Herrn und Heiland Jesus Christus,
Amen!

Das Wort, das der Predigt zugrunde liegt, ist ein kurzer Satz aus dem Hebräerbrief:

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

I. Über den Horizont hinaus

Liebe Schwestern und Brüder!

Wir alle lesen in diesen Tagen die Zeitung, schauen in den Nachrichten. Corona ist allgegenwärtig. Waren wir in der ersten Woche alle damit beschäftigt, mit der neuen Situation und den mit ihr verbundenen Einschränkungen zurecht zu kommen, so verschiebt sich langsam der Focus. Denn zunehmend wird gefragt: wie lange noch?
Wir schauen nach vorne und fragen: Wo ist der Horizont auf den wir zugehen, wo kommt das Ende in Sicht, ab wann kann alles wieder so sein wie vorher?
Der Horizont, der uns beschäftigt, der immer dringlicher wird ist das Ende der Krise. Und natürlich: wir alle halten danach Ausschau. Wir verfolgen die exponentielle Kurve des Anstieges der Erkrankten, und halten Ausschau nach dem Knick, der die Wende signalisieren könnte.

Aber man darf die Frage stellen: und was dann? Was dann, wenn der Wendepunkt erreicht ist, was dann, wenn das Ende der Krise in Sicht ist?

Dann gibt es das große Aufatmen und alles wird wieder so, wie es vorher war.
Dann wird die Wirtschaft hochgefahren und alles wird zur Normalität zurückkehren. Vielleicht mit noch ein bisschen mehr Druck und Anstrengung, denn immerhin gilt es viel aufzuholen. Alle müssen ihre Sollzahlen erreichen: in der Produktion und im Handel; der Umsatz muss angekurbelt werden, damit die Delle der Rezension möglichst gering ausfällt. Wird es einfach nur immer mehr vom Selben geben?
All das ist verständlich. Mehr als verständlich. Und doch lässt es einen schalen Geschmack zurück. Denn da ist die Frage nach dem Horizont. Wohin sind wir unterwegs als Gesellschaft hier in Österreich und als Verbund von Gesellschaften in Europa und der Welt?
Gibt es für uns überhaupt einen Horizont in einem echten Sinn? Oder sind wir so sehr dem hier und jetzt verhaftet, damit beschäftigt, alles schneller, effizienter und rentabler zu machen, dass wir gar keinen Kopf dafür haben, den Kopf zu heben und nach dem Horizont Ausschau zu halten?

Der Verfasser des Hebräerbriefes bringt hier eine andere, eine weitere Perspektive ins Spiel.
„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“.
Sein Horizont ist nicht einfach diese Zukunft, wie wir sie kennen und uns vorstellen. Sein Blick geht über das, was ist hinaus. Weit hinaus.
„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“.

Der Verfasser des Hebräerbriefes konstatiert es ganz nüchtern: „Wir haben hier keine bleibende Stadt.“ Wir alle wissen das eigentlich. Nichts von dem, was wir sind und tun wird bleiben. Alles wird vergehen. Die Häuser werden zerfallen, die Wirtschaftsimperien sich auflösen, unser Leben wird vergehen.
Der Tod ist der eigentliche Horizont jedes Lebens. Auf ihn gehen wir zu, mit jedem Schritt den wir tun, und jedem Atemzug. Er ist nicht wie der Horizont hier auf Erden, der immer weiter hinausrückt und den wir nie erreichen. Dieser Horizont kommt auf uns zu. Unausweichlich.
Wir haben hier keine bleibende Stadt. Wir sind vergänglich.
Aber der Verfasser des Hebräerbriefes erhebt seinen Blick nicht einfach bis zum Horizont.
Er schaut über den Horizont hinaus.

Der Horizont ist das, was unser Sichtfeld begrenzt. Weiter können wir nicht schauen.
Er aber schaut weiter. Weiter als seine Augen schauen können. Er sieht nicht mehr als wir. Auch sein Gesichtsfeld ist durch den Horizont begrenzt.
Aber er glaubt weiter.
Er glaubt weiter hinaus, als er sehen kann, er hofft über seine Wahrnehmungsfähigkeit hinaus. Seine Hoffnung greift über den Horizont hinaus.

II. Das Neue unter uns

„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“.
Die Stadt auf die er hofft, die wird später der Seher Johannes beschreiben. Das Kennzeichen dieser Stadt wird sein, dass Gott mitten unter den Menschen wohnen wird.
„Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.
Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen,
und der Tod wird nicht mehr sein,
noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein;
denn das Erste ist vergangen.
Und der auf dem Thron saß sprach: Siehe ich mache alles neu!“

Das ist die große Hoffnung. Die Hoffnung, dass alles neu werden wird.
Dieses Neue ist aber nicht einfach nur neu und weit weg in unerreichbarer Ferne. Dieses Neue hat unter uns begonnen. Der Funken der Hoffnung ist schon aufgeglüht unter uns. Das Neue hat begonnen mit dem, an den wir glauben, mit Jesus von Nazareth, mit Jesus, dem Christus. Mit dem, den Gott von den Toten auferweckt hat. Dieses Neue ist keine Phantasie, kein schöner Traum, der beim Aufwachen unweigerlich verblasst und verschwindet. Dieses Neue, das kommen soll und kommen wird, das ist schon unter uns gegenwärtig.
Es ist unter uns gegenwärtig, wenn wir in der Bibel lesen, denn sie spricht von dem lebendigen Gott, der da war und der da ist und der da kommen wird.
Dieses Neue ist unter uns gegenwärtig, wenn wir unter uns Liebe und Barmherzigkeit leben. Wenn uns Leid berührt und wir hungern nach Gerechtigkeit.

III. Auf der Pilgerschaft

Aber kehren wir zurück zum Hebräerbrief:
„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt,
sondern die zukünftige suchen wir“.

Er bezeichnet die Christen als Pilger, als Durchreisende, als Menschen, die hier auf Erden nicht zuhause, sondern noch unterwegs sind.
Mich berührt das eigenartig, in einer Zeit, wo wir nichts zu kennen scheinen, als diese Welt und dieses Leben.

Und mich berührt, dass es eine Zeit gegeben hat, in der Christenmenschen diese Haltung gelebt haben. Einer von ihnen hat dieses Lebensgefühl beschrieben, unterwegs zu sein, ausgespannt zwischen Himmel und Erde.
Ort ist das römische Weltreich der Antike.
Zeit, ungefähr um 250 nach Christus.
Die Christen: eine beargwöhnte und verfolgte Minderheit.
In dieser Situation schildert ein Unbekannter (wir kennen nur den Brief den er geschrieben hat, nicht aber seinen Namen) die Christen:

„Die Christen unterscheiden sich nicht durch Land, Sprache oder Sitten von den übrigen Menschen. Nirgendwo bewohnen sie eigene Städte, noch bedienen sie sich irgendeiner abweichenden Sprache, noch führen sie ein auffallendes Leben. (…)
Obwohl sie griechische und barbarische Städte bewohnen, (…), und die landesüblichen Sitten befolgen in Kleidung und Kost sowie im übrigen Lebensvollzug, legen sie doch eine erstaunliche (…) Lebensführung an den Tag.

Sie bewohnen das eigene Vaterland – aber wie Ausländer
Sie nehmen an allem teil wie Bürger – und ertragen alles wie Fremde.
Jede Fremde ist ihnen Vaterland – und jedes Vaterland eine Fremde.
Sie heiraten wie alle, zeugen und gebären Kinder – aber sie setzen die Neugeborenen nicht aus.
Ihren Tisch bieten sie als gemeinsam an – aber nicht ihr Bett.
Auf Erden weilen sie – aber im Himmel sind sie Bürger
Sie gehorchen den erlassenen Gesetzen – und mit der ihnen eigenen Lebensweise überbieten sie die Gesetze.

Sie lieben alle – und werden doch von allen verfolgt.
Man weiß nichts von ihnen – und verurteilt sie doch.
Sie werden getötet – und dennoch lebendig gemacht.
Sie sind arm – und machen doch viele reich.
An allem leiden sie Mangel – und haben dennoch alles im Überfluß.
Sie werden geschmäht – und sie segnen.
Die Christen wohnen in der Welt, sie sind aber nicht von der Welt.“

( Brief an Diognet, 4,6 – 6,10 in Auswahl, in: Schriften des Urchristentums, hrsg. von Klaus Wengst, München: Kösel 1984, 319ff. )

Diese Schilderung bewegt mich sehr. Denn hier wird von Menschen erzählt, die geglaubt haben wie wir auch. Menschen, die in dieser Welt gelebt haben, und die sich doch nicht von dieser Welt und ihren Regeln, von dieser Welt und ihrer Normalität bestimmen haben lassen.
Sie haben verstanden, dass die Hoffnung aus der, und auf die hin sie lebten, ihrem Leben eine andere Qualität verliehen hat. Es waren freie Menschen, weil sie aus ihrer Hoffnung gelebt haben. Sie haben in heilsamer Distanz zur Welt gelebt und haben sich ihr nicht angepasst.
Das hat sie sichtbar gemacht und auch angreifbar. Man hat sie angegriffen, weil sie anders waren,- und doch hat ihre Hoffnung und ihre Art zu leben, viele Menschen berührt und fasziniert.

Für mich bedeutet dieses heutige Wort einen Anstoß, nicht einfach das Ende der Krise abzuwarten, und dann weiterzuleben wie bisher. Ich will mich kritisch fragen: bin ich schon so verwurzelt in diesem Leben und seiner Normalität, dem was alle tun, – dass ich nicht mehr über den Horizont hinausschaue? Reise ich noch mit leichtem Gepäck, weil ich noch unterwegs bin?

IV. Reisen mit leichtem Gepäck

Ich möchte schließen mit einem Lied aus unserem Gesangbuch (EG 428). Es gehört zu den unbekannten Liedern. Ich habe es vor vielen Jahren durch unseren Jugendreferenten Claus Friese kennengelernt. Seitdem begleitet es mich. Es schlägt denselben Ton an, den ich im Hebräerbrief und im Brief an Diognet höre:

Komm in unsre stolze Welt, 
Herr, mit deiner Liebe Werben.
Überwinde Macht und Geld,
lass die Völker nicht verderben.
Wende Hass und Feindessinn
auf den Weg des Friedens hin.
Komm in unser reiches Land, 
der du Arme liebst und Schwache,
dass von Geiz und Unverstand
unser Menschenherz erwache.
Schaff aus unserem Überfluss,
Rettung dem, der hungern muss.
Komm in unsre laute Stadt,  
Herr, mit deines Schweigens Mitte,
dass, wer keinen Mut mehr hat,
sich von dir die Kraft erbitte
für den Weg durch Lärm und Streit
hin zu deiner Ewigkeit.
Komm in unser festes Haus, 
der du nackt und ungeborgen.
Mach ein leichtes Zelt daraus,
das uns deckt, kaum bis zum Morgen
Denn wer sicher wohnt vergisst,
dass er auf dem Weg noch ist.
Komm in unser dunkles Herz, 
Herr, mit deines Lichtes Fülle;
dass nicht Neid, Angst, Not und Schmerz
deine Wahrheit uns verhülle,
die auch noch in tiefer Nacht,
Menschenleben herrlich macht.

Sonntagspredigt vom 22. März 2020

Predigt aufgrund von Jesaja 66, 13

Liebe Schwestern und Brüder in Kirchdorf!

Wenn ich auch heute nicht von Angesicht zu Angesicht mit Euch Gottesdienst feiern kann, so freue ich mich doch darüber, dies auf diesem Wege tun zu können, und grüße Euch ganz herzlich!

Gnade sei mit euch,
von Gott unserem Vater
und unserem Herrn und Heiland Jesus Christus,
Amen!

Das Predigtwort für den heutigen Sonntag ist ein kurzer Satz aus dem Buch des Propheten Jesaja. Dort spricht Gott durch den Propheten zu seinem Volk:

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

I

Vor kurzem war unsere Tochter mit ihrem kleinen, eineinhalbjährigen Sohn bei uns. Voll Begeisterung war er im Wohnzimmer unterwegs, kletterte auf Sofas, und hat dann, schneller als wir schauen konnten, einen Schritt ins Leere getan, und ist abgestürzt. Kopfüber.
Das hat wirklich weh getan und er hat herzzerreißend geweint.

Unsere Tochter hat ihn aufgenommen, an sich gedrückt, leise mit ihm geredet, ihn gestreichelt, ist kurz mit ihm aus dem Zimmer gegangen,- und fünf Minuten später war sie wieder mit ihm da: er an ihrer Hand, noch ein wenig still, aber schon wieder mit dem verschmitzten Lächeln im Gesicht.

Im Wort für den heutigen Sonntag spricht Gott zum Volk Israel: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Ein schönes Wort. Und ich brauche es nicht analysieren, hin und her wenden. Die Anschauung lehrt mich, was es meint.

Wie tröstet eine Mutter? Sie tröstet, indem sie da ist, nah ist, in die Arme nimmt.
Der Trost der Mutter ist so einfach wie unüberbietbar. Ihr Dasein ist genug um nach dem Moment des Schocks und des Schmerzes wieder zu sich selbst zu finden, sich dann aus ihrer Umarmung zu lösen und sich zuversichtlich dem Leben und seinen Herausforderungen zu stellen.
Im Handeln einer Mutter gegenüber ihrem Kind erkenne ich etwas von dem, wie Gott ist. Sein Trost ist Zuflucht, neuen Mut finden, und aufs Neue weitergehen.

Dieser Trost ist etwas anderes, als mich zusammenzureißen und die Zähne zusammenzubeißen. Dieser Trost entsteht in der Begegnung mit dem Gott, der mir nahe ist und der mir Freiheit eröffnet.

II

Dieses Wort und das, was in ihm steckt, kann uns bewahren vor zwei Zerrbildern des christlichen Glaubens.
Das eine hat Friedrich Nietzsche herausgestrichen, wenn er dem Christentum vorwirft, dass es eine Sache für Schwache sei. Eine Sache (in meinen Worten) für Leute, die nie erwachsen werden, ewig Kinder bleiben, ständig getröstet werden müssen, ständig jemanden brauchen, der ihnen sagt, wo es langgeht. Der christliche Glaube, das sei eine Religion der Schwachen, jener, die den Schnuller nie loslassen konnten, die beim Radfahren immer noch die Stützräder brauchen und beim Schwimmen immer noch die „Schwimmflügerl“, weil sie anders nicht zurechtkommen.
Was Nietzsche verzerrt beschreibt, hat doch seinen Anhalt in der Realität. Der christliche Glaube wurde und wird oft primär dafür benutzt, das eigene Wohlbefinden zu unterstützen und zu sichern, nach dem Motto „es tut mir gut“.

Und andererseits wurde das Christentum so hoch gestimmt, auf einen so hohen Ton, dass man dachte, nur wer ins Kloster ginge und diese Herausforderung annähme, der wäre ein wahrer Christ. Nur der, der das „perfekte Leben“ suche, wer auf alles verzichte, nur der würde dem gerecht, was das Christentum meine.
Ich gebe zu, dass dieser Ton unter uns heute nicht so oft zu hören ist, dieses Bild nicht so oft vermittelt wird. Und doch ist es vorhanden. Dort, wo Ideale aufgerichtet werden, an denen man früher oder später scheitern muss,- und die nicht aufgefangen sind durch Vergebung und Barmherzigkeit.

Das Problem mit Zerrbildern ist, dass sie immer einen Aspekt der Wahrheit enthalten. Aber weil sie ihn isolieren, aus dem Zusammenhang nehmen, verdrehen sie die Wahrheit und verderben sie. Halbe Wahrheiten werden schnell zu ganzen Lügen.
Natürlich ist der christliche Glauben Zuflucht, bietet er Trost und Geborgenheit. Aber darin erschöpft er sich nicht.
Und ebenso natürlich ist der christliche Glaube eine Herausforderung, alle Kräfte anzuspannen. Er ist ein Lauf, sogar ein Marathon, er ist Kampf und er verlangt Disziplin. Aber all das ist er nicht allein. Niemand kann pausenlos in der Auseinandersetzung stehen, niemand kann pausenlos laufen, ohne dabei kaputt zu gehen.
Niemand aber kann auch pausenlos in der Kuschelecke bleiben, ohne Schaden an Leib und Seele (und Geist) zu nehmen.

III

Ich rede damit nicht einem spannungslosen Mittelmaß das Wort. Es geht nicht darum, die beiden Aspekte so auszugleichen, dass am Ende beide verdorben sind und etwas überbleibt, in dem beides nicht mehr zu erkennen ist: weder der Trost, noch die Herausforderung.
Eine solche Einstellung hätte etwas damit zu tun, nichts mehr wirklich an sich heranzulassen, allem gegenüber Distanz zu halten. Letztlich: sich Gott und die Menschen vom Leib zu halten.

Worum es geht ist, dass wir es wagen, uns in die Tiefen des Lebens zu begeben, das Leben tatsächlich an uns heranzulassen mit dem, womit es uns begegnet.
Das kleine Kind geht auf das Leben zu, nimmt die Herausforderung an. Das kleine Kind kann das tun, weil es sich in jedem Scheitern, jedem Schmerz als aufgehoben erfährt. Durch diese Zuwendung ist es in kürzester Zeit wieder bereit, sich auf die eigenen Füße zu stellen und Gehen zu üben.
Gerade weil die Mutter im Hintergrund ist, ist da der Mut, sich hinauszuwagen. Denn, alles Scheitern wird aufgefangen, jeder Trost setzt neuen Mut frei.

Wer diese Erfahrung nicht macht, dass nach jedem Scheitern, jemand da ist, der mich in den Arme nimmt, der kann dem Leben gegenüber Angst entwickeln, eine Mutlosigkeit, die ihn lähmt und ihm immer wieder im Wege steht.

Evangelium ist es, den Mut zu haben zu gehen, weil ich darauf vertrauen darf im Scheitern aufgefangen zu werden. Es gibt kein Voranschreiten, kein Wachstum, keinen Reifungsprozess ohne Fehler, Irrwege und Scheitern. Der christliche Glaube lebt aus dem Vertrauen, dass der Gott, der uns Mutter und Vater ist, vergibt. Dass er uns nicht bei unseren Fehlern behaftet. Dass er uns nie sagt: „du lernst es ja doch nie“, „du schaffst das nicht“,- sondern dass er uns immer wieder tröstet und ermutigt. Denn Trost ist Ermutigung.

IV

In Zeiten wie den unseren werden wir es immer wieder erleben: Mutlosigkeit und Verzagen aufgrund von Versagen. Ganz gleich in welchen Bereichen. Sei es in der Familie, in der Arbeit, im Hilfsdienst, im Übersehen von Menschen.
Dann wird es gut sein, dass wir uns ganz alleine zurückziehen in die Gegenwart Gottes. Dass wir ihm, unserer Mutter und unserem Vater, unser Leid klagen.
Im Gebet werden wir die Erfahrung machen, die auch die Beter früherer Zeiten gemacht haben: dass im und aus dem Klagen heraus, das Vertrauen wächst, und aus dem Vertrauen die Zuversicht, und aus der Zuversicht die Dankbarkeit, und aus der Dankbarkeit das Lob. Dass uns Trost widerfährt und wir wieder neuen Mut bekommen, dieses Leben zu leben.
Gerade die alten Worte der Psalmen können hier eine enorme Hilfe sein, wenn die eigenen Worte nicht reichen. Sie können dort eine Hilfe sein, wo die eigenen Worte sich im Kreise drehen und ich nicht mehr herauskomme aus mir selbst.
(Man lese etwa Psalm 4, Psalm 13, Psalm 27 und viele andere!)

V

Unser Predigtwort stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Zeit des Exils. Durch die Eroberung des Landes, die Zerstörung des Tempels und die Deportation in ein fremdes und fernes Land war nichts mehr so, wie es vorher war.
Aber gerade in dieser Situation besinnen sich viele auf die alten Geschichten und Lieder. Was vorher selbstverständlich da war, weil es den Tempel gab und die Priester, das wird nun kostbar. Die Lieder und Geschichten werden gesammelt, weil nun eine Generation heranwächst, die keinen Tempel mehr kennt und kein gelobtes Land.
Und Hoffnung entsteht aus den alten Geschichten: wie Gott sein Volk in der Sklaverei hört und es daraus befreit. Wie das Volk durch Krisen geht und schuldig wird,- und Gott immer wieder vergibt und es nicht verlässt. Hoffnung entsteht aus dem Lesen und Beten und Singen der alten Lieder und Gebete. Denn immer schon hat es das gegeben: Leid und Katastrophen, Krankheit und Aussichtslosigkeit.
Aber gerade in den Zeiten der Krise treibt der Glaube seine Wurzeln tiefer und aus dem tiefen Vertrauen erwächst Mut und Hoffnung.

All das ist auch uns gegeben. Wir müssen unsere Wurzeln wieder tiefer treiben, dass wir diese Schätze erreichen, dass wir in diesen Boden einwurzeln, der uns sowohl Halt als auch Nahrung gibt, Geborgenheit und Zuversicht, Trost und Mut um heute und hier zu tun, was uns aufgetragen ist.

Der Friede Gottes sei mit Euch allen!

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