Ich bin dankbar

Der Alltag steckt voller Dinge, die nicht so ganz perfekt laufen. Man schafft nicht das, was man sich vornimmt. Die Umstände könnten besser sein – gerade jetzt in der Zeit der Coronavirus-Pandemie. Es gibt eh schon viel zu tun, da passieren noch unvorhergesehene Dinge die uns aufhalten. Egal wieviel offene Punkte man abarbeitet, es kommen mindestens genauso viele wieder neu dazu. Nicht immer fällt es da leicht, dankbar zu sein.

Aber lasst uns kurz innehalten und die Dinge nüchtern betrachten. Es gibt wesentlich mehr Gründe, dankbar zu sein, als wir uns vorstellen können:

                                             Ich bin dankbar…

…für die Steuern, die ich zahle, weil das bedeutet: Ich habe Arbeit und Einkommen.

…für den Urlaub, den ich wegen der Coronavirus-Krise abbauen muss, weil das bedeutet: Ich habe trotz Krise einen Job und darf mich erholen.

…für die Wartezeit beim Arztbesuch, weil das bedeutet: Wir haben ein funktionierendes Gesundheitssystem.

…für die Hose, die ein bisschen zu eng sitzt, weil das bedeutet: Ich habe genug zu essen.

…für den Rasen, der gemäht, die Fenster, die geputzt werden müssen, weil das bedeutet: Ich habe ein Zuhause.

…für die Parklücke, ganz hinten in der äußersten Ecke des Parkplatzes, weil das bedeutet: Ich kann mir ein Auto leisten.

…für die Wäsche und den Bügelberg, weil das bedeutet, dass ich genug Kleidung habe.

…für die Müdigkeit und die schmerzenden Muskeln am Ende des Tages, weil das bedeutet: Ich bin fähig, hart zu arbeiten.

…für meine Schwachheit, an der ich mich stoße. Denn Jesus sagt: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig (2. Kor. 12,9).

…für den Wecker, der morgens klingelt, weil das bedeutet: Mir wird ein neuer Tag geschenkt.

(abgeändert nach einem Artikel von Stefan Rehm)

„Jesus-Dynamik“

Jesus passt nicht wirklich in unsere Gottesbilder, und das ist auch gut so. Wir können ihn nicht festhalten, oder auf bestimmte Vorstellungen festnageln. Das funktioniert heute genauso wenig wie damals vor 2000 Jahren. Damit bleibt er souverän und steht über den Dingen. Aber gleichzeitig will er uns unvorstellbar nah sein. Gerade in unserer angespannten Situation rund um die Coronavirus-Epidemie ist es ermutigend und tröstlich zugleich, dass Jesus Christus schon vielfach bewiesen hat, dass sogar die Naturgewalten ihm gehorchen müssen. Nichts in der Welt konnte und kann seine Dynamik bremsen.

Jesus Christus ist nicht gekommen, um unsere Wünsche zu erfüllen – er ist gekommen, um Gottes Verheißungen zu erfüllen.

Jesus ist kein Baby geblieben – er wuchs heran und wurde „stark im Geist“ (Lukas 1,80).

Unser gekreuzigter Herr blieb nicht im Grab. Er ist auferstanden, um ein lebendiger Heiland zu sein (Matthäus 28,1-7 und Offenbarung 1,18).

Der auferstandene Heiland blieb nicht auf der Erde – Er fuhr in den Himmel auf, um uns den heiligen Geist zu senden und um uns eine Wohnung zu bereiten (Johannes 14,2+25f und Apostelgeschichte 1,9).

Unser aufgefahrener Herr bleibt nicht im Himmel. Er wird wiederkommen und uns zu sich nach Hause holen, damit wir bei ihm sind (Johannes 14,3).

Wir bleiben in Verbindung.
Wir untereinander.
Und Gott mit uns.

Die Chance der Wüstenzeiten

„Und ihr habt auch erlebt, wie der HERR, euer Gott, euch auf dem Weg durch die Wüste geholfen hat. Bis hierher hat er euch getragen wie ein Vater sein Kind.“ (5. Mose 1,31)

Liebe Freunde,

während die derzeitige Epidemie unseren Alltag fast zum Stillstand bringt, sprechen manche Leute von einer „Wüstenzeit“, in der wir uns gerade befinden: Vieles ist mühsam, auslaugend, frustrierend, bedrohlich und lebensfeindlich.

Wüstenzeiten sind nicht neu. Schon im Alten und im Neuen Testament gehörten Wüstenzeiten mit zu den prägenden und wegweisenden Zeiten für Gottes Volk: In der Wüste empfing Mose die 10 Gebote und das Gesetz, welches das Volk Israel endgültig zu einem Volk formte. Elia erlebte in der Wüste eine prägnante und lebensverändernde Gottesbegegnung. Johannes der Täufer predigte hier von dem kommenden Messias. Und Jesus verbrachte unmittelbar vor Beginn seines öffentlichen Wirkens vierzig Tage in der Wüste, wo er in Versuchungen durchhielt. Die Liste der Beispiele ließe sich fortsetzen.

Was macht Wüstenzeiten so besonders? Während eine Wüste mit ihrer romanti­schen Schönheit und beeindruckenden Stille Touristen zu begeistern vermag, ist sie in Wirklichkeit jedoch ein äußerst le­bensfeindlicher Ort. Die sengende Hitze und der Mangel an Wasser scheinen je­des Leben zu ersticken und Wachstum radikal zu hemmen. Ähnlich ergeht es uns in persönlich erlebten Wüstenzeiten, wenn viele der scheinbar wichtigen Din­ge unseres Lebens in den Hintergrund treten, wenn Lebenskonzepte hinterfragt und bisher geglaubte Selbstverständlich­keiten auf die Probe gestellt werden.

Ich weiß von einigen Personen aus dem Umkreis der Evangelischen Gemeinde Kirchdorf, die von solchen persönlich erlebten Wüstenzeiten berichten, die sie erlebt und durchlebt haben – und aus denen sie letztendlich gestärkt wieder herausgekommen sind. Warum?

  1. Wüstenzeiten sind Krisenzeiten, in denen es nicht mehr um unwichtige Nebensächlich­keiten geht, sondern um das Überleben, um die existenziellen Grundfragen im Leben oder im Dienst.
  1. Aber jede Wüstenzeit kann zu einer Zeit der Vorbereitung werden und birgt das Poten­zial eines Neuanfangs in sich. Wo die Priori­täten zurechtgerückt sind, wo man sich von manchem unnötigen oder auch ungesunden Ballast getrennt hat, kann Gott die Freiheit schenken für einen ganz neuen Anfang. Hier kann Neues wachsen.
  1. Und eine Wüstenzeit kann schließlich zu einer Zeit der Berufung werden. Wenn die Stim­men des Alltags in den Hintergrund treten, weil plötzlich nur mehr die existenziellen Din­ge zählen, kann Gottes Stimme ganz neu und vielleicht auch deutlicher wahrgenommen werden.

In all den Herausforderungen, in denen wir uns derzeit befinden, dürfen wir somit wissen: Auch diese Wüstenzeit birgt – für jeden von uns – das Potenzial in sich, zu einer wegweisenden und somit lebensverändernden Zeit zu werden, in der Gott seine Segensspuren hinterlassen will. Und in der wir so wie in dem anfangs zitierten Vers rückblickend sagen können: „Bis hierher hat uns Gott getragen, wie ein Vater sein Kind!

Sonntagspredigt vom 29. März 2020

Predigt aufgrund von Hebräer 13, 14

Liebe Schwestern und Brüder in Kirchdorf!

Wenn ich auch heute nicht von Angesicht zu Angesicht mit Euch Gottesdienst feiern kann, so freue ich mich doch darüber, dies auf diesem Wege tun zu können, und grüße Euch ganz herzlich!

Gnade sei mit euch,
von Gott unserem Vater
und unserem Herrn und Heiland Jesus Christus,
Amen!

Das Wort, das der Predigt zugrunde liegt, ist ein kurzer Satz aus dem Hebräerbrief:

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

I. Über den Horizont hinaus

Liebe Schwestern und Brüder!

Wir alle lesen in diesen Tagen die Zeitung, schauen in den Nachrichten. Corona ist allgegenwärtig. Waren wir in der ersten Woche alle damit beschäftigt, mit der neuen Situation und den mit ihr verbundenen Einschränkungen zurecht zu kommen, so verschiebt sich langsam der Focus. Denn zunehmend wird gefragt: wie lange noch?
Wir schauen nach vorne und fragen: Wo ist der Horizont auf den wir zugehen, wo kommt das Ende in Sicht, ab wann kann alles wieder so sein wie vorher?
Der Horizont, der uns beschäftigt, der immer dringlicher wird ist das Ende der Krise. Und natürlich: wir alle halten danach Ausschau. Wir verfolgen die exponentielle Kurve des Anstieges der Erkrankten, und halten Ausschau nach dem Knick, der die Wende signalisieren könnte.

Aber man darf die Frage stellen: und was dann? Was dann, wenn der Wendepunkt erreicht ist, was dann, wenn das Ende der Krise in Sicht ist?

Dann gibt es das große Aufatmen und alles wird wieder so, wie es vorher war.
Dann wird die Wirtschaft hochgefahren und alles wird zur Normalität zurückkehren. Vielleicht mit noch ein bisschen mehr Druck und Anstrengung, denn immerhin gilt es viel aufzuholen. Alle müssen ihre Sollzahlen erreichen: in der Produktion und im Handel; der Umsatz muss angekurbelt werden, damit die Delle der Rezension möglichst gering ausfällt. Wird es einfach nur immer mehr vom Selben geben?
All das ist verständlich. Mehr als verständlich. Und doch lässt es einen schalen Geschmack zurück. Denn da ist die Frage nach dem Horizont. Wohin sind wir unterwegs als Gesellschaft hier in Österreich und als Verbund von Gesellschaften in Europa und der Welt?
Gibt es für uns überhaupt einen Horizont in einem echten Sinn? Oder sind wir so sehr dem hier und jetzt verhaftet, damit beschäftigt, alles schneller, effizienter und rentabler zu machen, dass wir gar keinen Kopf dafür haben, den Kopf zu heben und nach dem Horizont Ausschau zu halten?

Der Verfasser des Hebräerbriefes bringt hier eine andere, eine weitere Perspektive ins Spiel.
„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“.
Sein Horizont ist nicht einfach diese Zukunft, wie wir sie kennen und uns vorstellen. Sein Blick geht über das, was ist hinaus. Weit hinaus.
„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“.

Der Verfasser des Hebräerbriefes konstatiert es ganz nüchtern: „Wir haben hier keine bleibende Stadt.“ Wir alle wissen das eigentlich. Nichts von dem, was wir sind und tun wird bleiben. Alles wird vergehen. Die Häuser werden zerfallen, die Wirtschaftsimperien sich auflösen, unser Leben wird vergehen.
Der Tod ist der eigentliche Horizont jedes Lebens. Auf ihn gehen wir zu, mit jedem Schritt den wir tun, und jedem Atemzug. Er ist nicht wie der Horizont hier auf Erden, der immer weiter hinausrückt und den wir nie erreichen. Dieser Horizont kommt auf uns zu. Unausweichlich.
Wir haben hier keine bleibende Stadt. Wir sind vergänglich.
Aber der Verfasser des Hebräerbriefes erhebt seinen Blick nicht einfach bis zum Horizont.
Er schaut über den Horizont hinaus.

Der Horizont ist das, was unser Sichtfeld begrenzt. Weiter können wir nicht schauen.
Er aber schaut weiter. Weiter als seine Augen schauen können. Er sieht nicht mehr als wir. Auch sein Gesichtsfeld ist durch den Horizont begrenzt.
Aber er glaubt weiter.
Er glaubt weiter hinaus, als er sehen kann, er hofft über seine Wahrnehmungsfähigkeit hinaus. Seine Hoffnung greift über den Horizont hinaus.

II. Das Neue unter uns

„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“.
Die Stadt auf die er hofft, die wird später der Seher Johannes beschreiben. Das Kennzeichen dieser Stadt wird sein, dass Gott mitten unter den Menschen wohnen wird.
„Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.
Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen,
und der Tod wird nicht mehr sein,
noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein;
denn das Erste ist vergangen.
Und der auf dem Thron saß sprach: Siehe ich mache alles neu!“

Das ist die große Hoffnung. Die Hoffnung, dass alles neu werden wird.
Dieses Neue ist aber nicht einfach nur neu und weit weg in unerreichbarer Ferne. Dieses Neue hat unter uns begonnen. Der Funken der Hoffnung ist schon aufgeglüht unter uns. Das Neue hat begonnen mit dem, an den wir glauben, mit Jesus von Nazareth, mit Jesus, dem Christus. Mit dem, den Gott von den Toten auferweckt hat. Dieses Neue ist keine Phantasie, kein schöner Traum, der beim Aufwachen unweigerlich verblasst und verschwindet. Dieses Neue, das kommen soll und kommen wird, das ist schon unter uns gegenwärtig.
Es ist unter uns gegenwärtig, wenn wir in der Bibel lesen, denn sie spricht von dem lebendigen Gott, der da war und der da ist und der da kommen wird.
Dieses Neue ist unter uns gegenwärtig, wenn wir unter uns Liebe und Barmherzigkeit leben. Wenn uns Leid berührt und wir hungern nach Gerechtigkeit.

III. Auf der Pilgerschaft

Aber kehren wir zurück zum Hebräerbrief:
„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt,
sondern die zukünftige suchen wir“.

Er bezeichnet die Christen als Pilger, als Durchreisende, als Menschen, die hier auf Erden nicht zuhause, sondern noch unterwegs sind.
Mich berührt das eigenartig, in einer Zeit, wo wir nichts zu kennen scheinen, als diese Welt und dieses Leben.

Und mich berührt, dass es eine Zeit gegeben hat, in der Christenmenschen diese Haltung gelebt haben. Einer von ihnen hat dieses Lebensgefühl beschrieben, unterwegs zu sein, ausgespannt zwischen Himmel und Erde.
Ort ist das römische Weltreich der Antike.
Zeit, ungefähr um 250 nach Christus.
Die Christen: eine beargwöhnte und verfolgte Minderheit.
In dieser Situation schildert ein Unbekannter (wir kennen nur den Brief den er geschrieben hat, nicht aber seinen Namen) die Christen:

„Die Christen unterscheiden sich nicht durch Land, Sprache oder Sitten von den übrigen Menschen. Nirgendwo bewohnen sie eigene Städte, noch bedienen sie sich irgendeiner abweichenden Sprache, noch führen sie ein auffallendes Leben. (…)
Obwohl sie griechische und barbarische Städte bewohnen, (…), und die landesüblichen Sitten befolgen in Kleidung und Kost sowie im übrigen Lebensvollzug, legen sie doch eine erstaunliche (…) Lebensführung an den Tag.

Sie bewohnen das eigene Vaterland – aber wie Ausländer
Sie nehmen an allem teil wie Bürger – und ertragen alles wie Fremde.
Jede Fremde ist ihnen Vaterland – und jedes Vaterland eine Fremde.
Sie heiraten wie alle, zeugen und gebären Kinder – aber sie setzen die Neugeborenen nicht aus.
Ihren Tisch bieten sie als gemeinsam an – aber nicht ihr Bett.
Auf Erden weilen sie – aber im Himmel sind sie Bürger
Sie gehorchen den erlassenen Gesetzen – und mit der ihnen eigenen Lebensweise überbieten sie die Gesetze.

Sie lieben alle – und werden doch von allen verfolgt.
Man weiß nichts von ihnen – und verurteilt sie doch.
Sie werden getötet – und dennoch lebendig gemacht.
Sie sind arm – und machen doch viele reich.
An allem leiden sie Mangel – und haben dennoch alles im Überfluß.
Sie werden geschmäht – und sie segnen.
Die Christen wohnen in der Welt, sie sind aber nicht von der Welt.“

( Brief an Diognet, 4,6 – 6,10 in Auswahl, in: Schriften des Urchristentums, hrsg. von Klaus Wengst, München: Kösel 1984, 319ff. )

Diese Schilderung bewegt mich sehr. Denn hier wird von Menschen erzählt, die geglaubt haben wie wir auch. Menschen, die in dieser Welt gelebt haben, und die sich doch nicht von dieser Welt und ihren Regeln, von dieser Welt und ihrer Normalität bestimmen haben lassen.
Sie haben verstanden, dass die Hoffnung aus der, und auf die hin sie lebten, ihrem Leben eine andere Qualität verliehen hat. Es waren freie Menschen, weil sie aus ihrer Hoffnung gelebt haben. Sie haben in heilsamer Distanz zur Welt gelebt und haben sich ihr nicht angepasst.
Das hat sie sichtbar gemacht und auch angreifbar. Man hat sie angegriffen, weil sie anders waren,- und doch hat ihre Hoffnung und ihre Art zu leben, viele Menschen berührt und fasziniert.

Für mich bedeutet dieses heutige Wort einen Anstoß, nicht einfach das Ende der Krise abzuwarten, und dann weiterzuleben wie bisher. Ich will mich kritisch fragen: bin ich schon so verwurzelt in diesem Leben und seiner Normalität, dem was alle tun, – dass ich nicht mehr über den Horizont hinausschaue? Reise ich noch mit leichtem Gepäck, weil ich noch unterwegs bin?

IV. Reisen mit leichtem Gepäck

Ich möchte schließen mit einem Lied aus unserem Gesangbuch (EG 428). Es gehört zu den unbekannten Liedern. Ich habe es vor vielen Jahren durch unseren Jugendreferenten Claus Friese kennengelernt. Seitdem begleitet es mich. Es schlägt denselben Ton an, den ich im Hebräerbrief und im Brief an Diognet höre:

Komm in unsre stolze Welt, 
Herr, mit deiner Liebe Werben.
Überwinde Macht und Geld,
lass die Völker nicht verderben.
Wende Hass und Feindessinn
auf den Weg des Friedens hin.
Komm in unser reiches Land, 
der du Arme liebst und Schwache,
dass von Geiz und Unverstand
unser Menschenherz erwache.
Schaff aus unserem Überfluss,
Rettung dem, der hungern muss.
Komm in unsre laute Stadt,  
Herr, mit deines Schweigens Mitte,
dass, wer keinen Mut mehr hat,
sich von dir die Kraft erbitte
für den Weg durch Lärm und Streit
hin zu deiner Ewigkeit.
Komm in unser festes Haus, 
der du nackt und ungeborgen.
Mach ein leichtes Zelt daraus,
das uns deckt, kaum bis zum Morgen
Denn wer sicher wohnt vergisst,
dass er auf dem Weg noch ist.
Komm in unser dunkles Herz, 
Herr, mit deines Lichtes Fülle;
dass nicht Neid, Angst, Not und Schmerz
deine Wahrheit uns verhülle,
die auch noch in tiefer Nacht,
Menschenleben herrlich macht.

Über exponentielles Wachstum

Jeden Tag sehen wir in den Nachrichten die gleiche Kurve: ein Säulendiagramm, das die Verbreitung des Corona Virus in Österreich zeigt. Es beginnt mit zwei Infizierten und endet jeden Tag mit einem höheren Wert als am Tag zuvor. Jeden Tag kommt eine gleiche Prozentrate vom Vortagswert hinzu: Das macht, dass die Kurve immer gleich ausschaut, egal wie viele Tage schon vergangen sind. Ein ungebrochenes, exponentielles Wachstum.

Wem Mathematik schon früher verhasst war (ich gehöre nicht dazu), der mag sie heute noch weniger mögen. Denn die Kurve sagt: Wenn das so weiter geht, wird es uns alle erwischen. Darum: zu Hause bleiben, niemanden treffen, keine Umarmungen und so fort.

Doch Verbreitung muss nicht schlecht sein. Es hängt davon ab, was wir verbreiten. Denken wir an das Evangelium. Wer waren die ersten Jünger? Andreas und Simon. Bald waren es 12, dann 70. In der Apostelgeschichte lesen wir, dass an einem Tag 3000 hinzu kamen. Heute umfasst die Christenheit über zwei Milliarden Menschen, rund ein Drittel der Weltbevölkerung. Die Botschaft von Jesus hat sich viral verbreitet. Es ist eine gute Botschaft. Gott liebt die Welt. So sehr, dass er seinen Sohn gesandt hat. Alle, die an ihn glauben, haben das ewige Leben. Corona ist ein Bote des Todes, Jesus ein Bote des Lebens. Israel hat den Glauben an den einen Gott nicht für sich behalten können, sondern wie es in den eigenen Schriften heißt: „Auf ihn werden die Heiden (die nichtjüdischen Völker, Anm.) hoffen.“ „Nach ihm werden die Nationen fragen / suchen / sich sehnen“. Von Asien kam der Virus nach Europa.

War Jesus ein Gefährder? In der Tat. Denn sein Programm war: Zündet ein Licht an und stellt es auf einen Leuchter, damit es für alle hell wird. Und der Apostel Paulus schreibt an seinen Schüler Timotheus: „Was du von mir gehört hast, das übergib treuen Menschen, die fähig sind, andere zu lehren.“ War Jesus ein unseriöser Verkäufer, der mit der Masche wirbt: Gewinne mir zwei Kunden und diese sollen auch je 2 Kunden gewinnen und so fort – und jeder soll dir eine Provision geben? Sicher nicht.

Brot (gebacken von Matthias)

Denn die Verbreitung ist auch eine Vertiefung. Drei Jahre hat es gedauert, dass Jesus seine Jünger lehrte. In enger Gemeinschaft, wie wir uns das heute nicht mehr vorstellen können. Mit Praktika und Exkursionen, mit öffentlichen Streit-Gesprächen und nächtlichen unter vier Augen. Das Himmelreich ist wie ein Sauerteig, den eine Frau unter den Teig mischte – und irgendwann ist der ganze Teig durchsäuert. Wir brauchen auch ein inneres Wachstum. Und das braucht seine Zeit.

Vielleicht will uns die Corona Verbreitung dazu führen: Dass wir auf die Verbreitung und Vertiefung des Evangeliums schauen. Dass es uns durchsäuert. Alle Lebensbereiche. Auch die, die wir bisher erfolgreich immunisiert haben, um die wir Mauern gebaut haben. Ein Schrecken ist schon drin im Corona Virus. Aber die gute Nachricht von Jesus ist stärker: Er will an uns und in uns arbeiten. Gehen wir nicht in geistliche Quarantäne. Und beten wir, dass der Teig bald ganz durchsäuert wird, damit sich die Kurve endlich abflachen kann.

Gott, du bist mein Zufluchtsort

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„Du bist mein Schutz und meine Zuflucht, mein Heiland, der du mir hilfst vor Gewalt. Der Herr ist mein Fels und meine Burg und mein Erretter.“ So hat es David im 2. Sam 22, 2 – 3 sehr bewegend beschrieben.

Drei Gedanken haben mich bei diesen Versen bewegt.

1. Wir leben in einer unruhigen und unsicheren Welt

Das ist nichts Neues und das war schon immer so.
So lange der Mensch lebt, lebt er in Lebensgefahr – auch wenn er das oft gar nicht selbst wahrnimmt. Manchmal vergessen wir es auch, weil es bei uns ja relativ friedlich zugeht. Wir wiegen uns dann in Sicherheit. Aber dann kann es uns so ergehen wie David. Plötzlich ist alles anders. Durch ein einziges Ereignis wird alles Bisherige auf den Kopf gestellt. So, wie wir es gerade erleben.

2. In einer unruhigen und unsicher gewordenen Welt sehnen wir uns nach Sicherheit und Geborgenheit.

Und das ist ja auch legitim, in den Stürmen des Lebens nach etwas Ausschau zu halten, an dem man sich festmachen kann. Jemand zu finden, der uns unter die Arme greift und hilft, wenn wir selbst so hilflos geworden sind. Der rät und tröstet und ermutigt, wenn wir zurzeit völlig aus dem normalen Leben geworfen worden sind.

Und David kann das nur bestätigen. Aber er hat die Erfahrung gemacht, die jeder von uns früher oder später machen muss:
Menschen können ja nicht helfen, sogar Fürsten nicht (Ps 146, 3)
Einem König hilft nicht seine große Macht, auch Rosse nicht… (Ps 33, 16f)

Und die Quintessenz heißt bei David:
Ps. 4, 9: Denn allein du, Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne.
Allein du!

Wie gesagt, diese Erfahrung, dass Menschen enttäuschen und in Stich lassen, diese Erfahrung hat wahrscheinlich jeder gemacht. Vielleicht muss es Situationen geben in unserem Leben wo es nicht heißen kann „Hauptsache Allianz-versichert…“
Keine Versicherung der Welt kann alle Schäden verhindern oder gar abdecken.

3. Allein bei Gott finden wir, was wir von Herzen suchen und bei Menschen nicht bekommen!

Es gehört zu den Grundbedürfnissen unseres Menschseins dazu,

  • einen festen unerschütterlichen Grund zu haben, durch den unser Urvertrauen aufgebaut wird, wo wir einen Halt haben, an dem wir uns festmachen können, wenn nichts mehr sonst halten kann
  • einen Raum der Geborgenheit zu haben, einen Ort der Zuflucht, wo wir einfach die Füße ausstrecken können und uns wohlig räkeln dürfen: Hier bin ich zu Hause, hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.
  • einen Heiland zu haben, der alles heil machen kann und durch den mein Leben wieder heil und rund und ganz werden kann. Ein Mensch wäre mit einer solchen Erwartung überfordert.

Und nun weist uns der Psalmist auf den hin, mit dem er selbst schon unheimlich gute und tolle Erfahrungen gemacht hat.

Gott ist mein Fels, meine Burg, meine Zuflucht, mein Heiland und Erretter.

Schön, dass auch uns diese Worte und Bilder gerade auch heute zum Leitspruch werden können. Und eins werden wir in Gottes Wort entdecken:

Gott sagt, was er meint und er meint immer, was er in seinem Wort sagt.
Auf ihn, auf sein Wort ist Verlass.
Bei ihm kommt mein Herz zur Ruhe und es weiß: Nun wird alles gut.
Er, der Heiland meiner Seele, will mich erretten, freisetzen für ein Leben in der Weite – und das ist kein Widerspruch, sondern das ist Evangelium:

Wir brauchen Wurzeln und Flügel – Halt und Weite – und beides schenkt uns unser Herr mit sich selbst.

Im Schaukasten

Frühling verbinden wir mit Hoffnung und neuem Leben. Im Unterschied zu anderen Frühlingsblühern stehen Tulpen ziemlich aufrecht und windfest da. Der dicke Stängel trägt eine leuchtende Blüte.

Wer Angst hat, geht gebeugt durchs Leben. Er duckt sich vor Ereignissen, die eintreffen könnten. Aber so verdorrt das Leben auch. Ohne Saft und Kraft sieht es aus wie der vertrocknete Blütenstand der Karde.

Gott will uns die Angst nehmen. Kraft und Liebe sollen uns zu einem aufrechten Gang helfen. Wer dabei rennt, tut sich schwerer, darum tut auch die Besonnenheit gut. Wer genau schaut, bemerkt: Auch wer nicht schneller krabbelt als ein Käfer, kommt vorwärts.

Kraft, Liebe und Besonnenheit – das können wir in Zeiten, in denen das Leben bedroht ist, gut brauchen.

von Else Müller