Wo Schwachheit zur Chefsache wird

„Lass dir an meiner Gnade genügen. Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Kor. 12,9)

Schwache stehen derzeit im Fokus. Wir alle wollen mithelfen, um in der aktuellen Krise jene Menschen zu schützen, die aufgrund ihrer Schwachheit – bedingt durch Alter, Krankheit oder Beeinträchtigung – besonders gefährdet sind.

In diesen Tagen laufen die beiden Wohneinrichtungen der DIG im 24-Stunden-Betrieb. Die Betreuung der von uns begleiteten Menschen mit Beeinträchtigungen im DIG-Wohnhaus Windischgarsten sowie der Bewohner unserer Sozialpsychiatrischen Wohngemeinschaft am Adelsmayrhof wird während der gesamten Krise gewährleistet sein. Und das unter großen Schutzmaßnahmen für die Betroffenen. Das stellt uns vor Herausforderungen – aber es ist gleichzeitig ein besonderes Vorrecht, diese so wertvollen Menschen gut begleiten zu dürfen.

Als ich vor fast sechs Jahren die Verantwortung der DIG-Leitung übernommen habe, war ich überrascht davon, wie unterschiedlich Leute in meiner Umgebung auf Menschen mit Beeinträchtigungen reagieren: Einerseits ist mir viel Wohlwollen und Unterstützung für die Arbeit der DIG begegnet, andererseits treffe ich bis heute regelmäßig Menschen, die sich beim Thema „Behinderung“ sehr unbehaglich, ja unbeholfen fühlen.

Ein Vorwurf ist hier jedoch nicht angebracht. Immerhin hat Schwachheit nur wenig Platz in unserer Leistungsgesellschaft und wird daher oft ausgeblendet. In der Wirtschaft und in der Gesellschaft mag Schwachheit wenig Platz haben – aber aus Gottes Blickwinkel wird ihr ein ganz besonderer Stellenwert zugemessen. Mit anderen Worten: Gott hat Schwachheit zur Chefsache erklärt! Diese göttliche Sichtweise zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel und hat schließlich Christen zu allen Zeiten in ihrem Handeln geprägt. Folgendes geschichtliche Ereignis bringt Gottes Sichtweise sehr plakativ zum Ausdruck:

Rom, Mitte des dritten Jahrhunderts nach Christus. Laurentius, Schatzmeister der damals kleinen und verfolgten christlichen Gemeinde Roms, wird durch Kaiser Valerian verhaftet. Dieser fordert von Laurentius die Auslieferung der Schätze der Kirche. Laurentius stimmt zu und verlangt zum Erstaunen des Kaisers mindestens hundert Wagen, um die Schätze transportieren zu können. An dem Tag, den der Kaiser zur Ablieferung bestimmt hatte, erschienen die hundert Wagen – voll mit alten, kranken, schwachen und beeinträchtigten Menschen. Laurentius zeigt sie dem Kaiser als den wahren Schatz der Kirche. Für seine Vermessenheit wird er hingerichtet.

Mit seiner Handlung hat Laurentius ein treffendes Bild für Gottes Sichtweise gegeben: Schwache und bedürftige Menschen sind in Gottes Augen ein unermesslich wertvoller Schatz, unendlich geliebt.

In der Arbeit der DIG genauso wie in der Evangelischen Gemeinde Kirchdorf wollen wir uns ganz bewusst von Gottes Sichtweise prägen lassen. Daraus folgt nicht nur, dass wir uns in eine allgemein sinnvolle und wichtige Arbeit gestellt sehen, wenn wir Menschen begleiten, die auf Hilfe angwiesen sind. Sondern viel mehr noch, wir haben das große Privileg, jene Menschen zu begleiten, die Gott zur Chefsache erklärt hat.

Gleichzeitig ermutigt mich Gottes Sichtweise ganz persönlich dort, wo ich selber an meine Grenzen stoße. Wenn Gott ein besonderes Augenmerk auf diejenigen legt, die auf Hilfe angewiesen sind, dann hat er auch einen besonderen Blick auf mich, wenn ich an meine Grenzen komme. Gott erlaubt Schwäche. Er erwartet nicht, dass wir als geistliche Superhelden durchs Leben gehen. Als Paulus mit seinen eigenen Begrenzungen und Unzulänglichkeiten kämpft, wird er von Jesus Christus in dieser Schwachheit mit folgenden Worten ermutigt: „Lass dir an meiner Gnade genügen. Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Kor. 12,9).

P.S.: Der letzte Gottesdienst in Kirchdorf, der vor dem Erlass der Ausgangsbeschränkungen und Versammlungsverbote stattfinden konnte, wurde am 8. März 2020 von Betreuern und betreuten Mitarbeitern der DIG-Tagesheimstätte in Kirchdorf gestaltet. Sehr viele Gäste füllten die Kirche bis zum letzten Platz. Was für ein würdiger Abschlussgottesdienst vor der aktuellen Zwangspause!

Gott verstehen …?

Ponte vecchio, Florenz

Bilder schwirren mir durch den Kopf, Bilder von Urlaubsreisen nach Mailand, Siena, Florenz; schöne Erfahrungen in einem schönen, idyllischen Land, voll gastfreundlicher Menschen. Dazwischen drängen sich unerbittlich die Bilder von Kranken in den Intensivstationen der Lombardei, von überlastetem Krankenhauspersonal, von Särgen, die mit Militärfahrzeugen weggebracht werden; alles vermischt mit Berichten über Sterbende, die ohne Abschied von den geliebten Menschen ersticken.
Da schreit das Warum in mir laut auf. Warum müssen gerade die Menschen, die nach dem 2. Weltkrieg das Land aufgebaut haben, auf diese Weise sterben? Eine Vielzahl von Warum schließen sich an, die besser ungesagt bleiben.
Doch dann kommt mir der Losungsvers vom letzten Dienstag in den Sinn:

Gott ist gerecht in allen seinen Wegen und gütig in allen seinen Taten
(Psalm 145, 17)

Kann ich das glauben? Alles in mir sträubt sich dagegen, denn die gerade erfahrene Realität scheint dagegen zu stehen.
In mir ist ein gordischer Knoten, den zu lösen unmöglich erscheint. Ich hadere mit mir und mit Gott.

Bis mir klar wird:
Will ich das glauben, will ich Gott vertrauen? Das ist die entscheidende Frage und gleichzeitig auch die Antwort.
Weitere Worte aus der Bibel schaffen sich Raum in mir:

Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR; sondern soviel der Himmel höher ist denn die Erde, so sind auch meine Wege höher denn eure Wege und meine Gedanken denn eure Gedanken.
(Jes. 55, 8,9)

und aus Hiob

Du hast gefragt:
›Wer bist du, dass du meine Weisheit anzweifelst
mit Worten ohne Verstand?‹
Ja, es ist wahr:
Ich habe von Dingen geredet, die ich nicht begreife,
sie sind zu hoch für mich und übersteigen meinen Verstand.
(Hiob 42,3)

und

Jesus Christus spricht: Ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende
(Matth. 28, 16-20)

Die Fragen – und sie werden vermutlich bald auch Österreich betreffen – und der Schmerz sind geblieben, aber ich will Jesus vertrauen, dass er das, was geschieht letztlich zu einem guten Ende führt. Ich möchte jetzt alle, die so oder ähnlich denken, ermutigen, ihr Vertrauen auf Jesus Christus zu richten und mutig in die nächsten Wochen zu gehen.

ganz nahe …

»Wenn ihr seht, dass dies geschieht, so wisst, dass er nahe vor der Tür ist.« (Markus 13,29)

Sagt mir einer (bzw. ganz richtig: er hat es über Signal geschrieben in Zeiten des social distancing): »Seuchen sind ja auch ein Zeichen der Endzeit.«

Also abgesehen von der Frage, ob die derzeitige Epi- bzw. Pandemie schon als Seuche zu bezeichnen ist (lassen wir das einmal offen), stimmt diese Beobachtung z.B. nach Lukas 21,11 natürlich: Jesus nennt auch Seuchen als Zeichen der Endzeit.

Nur: Was höre ich, wenn der Begriff »Endzeit« fällt?

Kriege, Katastrophen, schrecklich, schrecklicher, noch schrecklicher … »Das Ende ist nah!«?

Oder doch das, was Jesus sagt: »Wenn ihr seht, dass dies geschieht, so wisst, dass Er nahe vor der Tür ist.«

Nein, Corona bedeutet nicht, dass »jetzt aber wirklich ganz bald das Ende der Welt kommt.«

Aber es ist ein weiteres Zeichen, dass »Er« – Jesus – nahe ist.

»Nahe« muss nicht »bald« heißen. Kann es natürlich; aber Jesus sagt Selbst ein paar Verse später, dass das »Wann« niemand weiß, nicht einmal Er Selbst (damals, als Er sichtbar auf der Erde war), nur der Vater.

»Nahe« heißt zunächst einmal »nahe«: Er – Jesus – steht schon hinter (oder vor, je nachdem, wie ich es mir vorstellen will) der Türe.

Er hat schon die Hand auf der Klinke.

Wann Er sie drückt, das ist Seine Sache. Aber Er ist schon da. Ganz nah

Pfarrer Willy Todter

Segen und Leben bis in Ewigkeit

„Siehe, wie fein und lieblich ist’s, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen! Dort verheißt der HERR Segen und Leben bis in Ewigkeit.“ (Psalm 133,1.3)

Gottes Segen lässt sich nicht verdienen. Er wird „verheißen“. Gott will uns aus lauter Liebe seinen Segen schenken, unbedingt und unaufhaltsam. Sein Segen ist zeitlos, ewig. Gottes Segen geht im Himmel weiter. Großartig ist das! Wie Gott seinen Segen schenkt, dafür benutzt der Psalm zwei Beispiele: Öl und Tau. Duftendes Öl gilt als belebende Erfrischung für Haut und Haar. Tau ist für die Pflanzen in trockener Hitze reine Lebensquelle. Allein schon durch seine Schöpfung sagt Gott: „Ich bin da. Und ich will euch immer wieder beschenken.“

Daran will Gott aber auch uns beteiligen. Denn unser Psalm will vor allem daran erinnern, wie wichtig und wie erfrischend eine herzliche und offene Gemeinschaft ist: Einträchtig beieinander zu „wohnen“, statt andere auszugrenzen und abzuqualifizieren, andere zu unterstützen und zu ermutigen, das ist unser Ziel. Da sind wir gefragt, mutig und offen auf andere zuzugehen. Denn Gottes Segen trägt uns alle.

Gesegnet
Selig die, die über sich selbst lachen;
sie werden immer genug Unterhaltung finden.
Selig die, die einen Berg von einem Maulwurfshügel unterscheiden;
sie werden sich viel Ärger ersparen.
Selig die, die schweigen und zuhören;
sie werden dabei viel Neues erfahren.
Selig die, die kleine Dinge ernst und ernste Dinge gelassen nehmen;
sie werden sehr weit kommen.
Selig die, die Gott erkennen und lieben;
sie werden Güte und Freude ausstrahlen. (aus einer Klosterinschrift)

(Anmerkung: Vor zwei Monaten, fast genau ein Jahr nach Joachims Schlaganfall, ist diese Kurzandacht von ihm im Neukirchner Kalender veröffentlicht worden. Wir dürfen somit nachträglich an seinen Gedanken teilhaben.)

Sonntagspredigt vom 29. März 2020

Predigt aufgrund von Hebräer 13, 14

Liebe Schwestern und Brüder in Kirchdorf!

Wenn ich auch heute nicht von Angesicht zu Angesicht mit Euch Gottesdienst feiern kann, so freue ich mich doch darüber, dies auf diesem Wege tun zu können, und grüße Euch ganz herzlich!

Gnade sei mit euch,
von Gott unserem Vater
und unserem Herrn und Heiland Jesus Christus,
Amen!

Das Wort, das der Predigt zugrunde liegt, ist ein kurzer Satz aus dem Hebräerbrief:

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

I. Über den Horizont hinaus

Liebe Schwestern und Brüder!

Wir alle lesen in diesen Tagen die Zeitung, schauen in den Nachrichten. Corona ist allgegenwärtig. Waren wir in der ersten Woche alle damit beschäftigt, mit der neuen Situation und den mit ihr verbundenen Einschränkungen zurecht zu kommen, so verschiebt sich langsam der Focus. Denn zunehmend wird gefragt: wie lange noch?
Wir schauen nach vorne und fragen: Wo ist der Horizont auf den wir zugehen, wo kommt das Ende in Sicht, ab wann kann alles wieder so sein wie vorher?
Der Horizont, der uns beschäftigt, der immer dringlicher wird ist das Ende der Krise. Und natürlich: wir alle halten danach Ausschau. Wir verfolgen die exponentielle Kurve des Anstieges der Erkrankten, und halten Ausschau nach dem Knick, der die Wende signalisieren könnte.

Aber man darf die Frage stellen: und was dann? Was dann, wenn der Wendepunkt erreicht ist, was dann, wenn das Ende der Krise in Sicht ist?

Dann gibt es das große Aufatmen und alles wird wieder so, wie es vorher war.
Dann wird die Wirtschaft hochgefahren und alles wird zur Normalität zurückkehren. Vielleicht mit noch ein bisschen mehr Druck und Anstrengung, denn immerhin gilt es viel aufzuholen. Alle müssen ihre Sollzahlen erreichen: in der Produktion und im Handel; der Umsatz muss angekurbelt werden, damit die Delle der Rezension möglichst gering ausfällt. Wird es einfach nur immer mehr vom Selben geben?
All das ist verständlich. Mehr als verständlich. Und doch lässt es einen schalen Geschmack zurück. Denn da ist die Frage nach dem Horizont. Wohin sind wir unterwegs als Gesellschaft hier in Österreich und als Verbund von Gesellschaften in Europa und der Welt?
Gibt es für uns überhaupt einen Horizont in einem echten Sinn? Oder sind wir so sehr dem hier und jetzt verhaftet, damit beschäftigt, alles schneller, effizienter und rentabler zu machen, dass wir gar keinen Kopf dafür haben, den Kopf zu heben und nach dem Horizont Ausschau zu halten?

Der Verfasser des Hebräerbriefes bringt hier eine andere, eine weitere Perspektive ins Spiel.
„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“.
Sein Horizont ist nicht einfach diese Zukunft, wie wir sie kennen und uns vorstellen. Sein Blick geht über das, was ist hinaus. Weit hinaus.
„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“.

Der Verfasser des Hebräerbriefes konstatiert es ganz nüchtern: „Wir haben hier keine bleibende Stadt.“ Wir alle wissen das eigentlich. Nichts von dem, was wir sind und tun wird bleiben. Alles wird vergehen. Die Häuser werden zerfallen, die Wirtschaftsimperien sich auflösen, unser Leben wird vergehen.
Der Tod ist der eigentliche Horizont jedes Lebens. Auf ihn gehen wir zu, mit jedem Schritt den wir tun, und jedem Atemzug. Er ist nicht wie der Horizont hier auf Erden, der immer weiter hinausrückt und den wir nie erreichen. Dieser Horizont kommt auf uns zu. Unausweichlich.
Wir haben hier keine bleibende Stadt. Wir sind vergänglich.
Aber der Verfasser des Hebräerbriefes erhebt seinen Blick nicht einfach bis zum Horizont.
Er schaut über den Horizont hinaus.

Der Horizont ist das, was unser Sichtfeld begrenzt. Weiter können wir nicht schauen.
Er aber schaut weiter. Weiter als seine Augen schauen können. Er sieht nicht mehr als wir. Auch sein Gesichtsfeld ist durch den Horizont begrenzt.
Aber er glaubt weiter.
Er glaubt weiter hinaus, als er sehen kann, er hofft über seine Wahrnehmungsfähigkeit hinaus. Seine Hoffnung greift über den Horizont hinaus.

II. Das Neue unter uns

„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“.
Die Stadt auf die er hofft, die wird später der Seher Johannes beschreiben. Das Kennzeichen dieser Stadt wird sein, dass Gott mitten unter den Menschen wohnen wird.
„Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.
Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen,
und der Tod wird nicht mehr sein,
noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein;
denn das Erste ist vergangen.
Und der auf dem Thron saß sprach: Siehe ich mache alles neu!“

Das ist die große Hoffnung. Die Hoffnung, dass alles neu werden wird.
Dieses Neue ist aber nicht einfach nur neu und weit weg in unerreichbarer Ferne. Dieses Neue hat unter uns begonnen. Der Funken der Hoffnung ist schon aufgeglüht unter uns. Das Neue hat begonnen mit dem, an den wir glauben, mit Jesus von Nazareth, mit Jesus, dem Christus. Mit dem, den Gott von den Toten auferweckt hat. Dieses Neue ist keine Phantasie, kein schöner Traum, der beim Aufwachen unweigerlich verblasst und verschwindet. Dieses Neue, das kommen soll und kommen wird, das ist schon unter uns gegenwärtig.
Es ist unter uns gegenwärtig, wenn wir in der Bibel lesen, denn sie spricht von dem lebendigen Gott, der da war und der da ist und der da kommen wird.
Dieses Neue ist unter uns gegenwärtig, wenn wir unter uns Liebe und Barmherzigkeit leben. Wenn uns Leid berührt und wir hungern nach Gerechtigkeit.

III. Auf der Pilgerschaft

Aber kehren wir zurück zum Hebräerbrief:
„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt,
sondern die zukünftige suchen wir“.

Er bezeichnet die Christen als Pilger, als Durchreisende, als Menschen, die hier auf Erden nicht zuhause, sondern noch unterwegs sind.
Mich berührt das eigenartig, in einer Zeit, wo wir nichts zu kennen scheinen, als diese Welt und dieses Leben.

Und mich berührt, dass es eine Zeit gegeben hat, in der Christenmenschen diese Haltung gelebt haben. Einer von ihnen hat dieses Lebensgefühl beschrieben, unterwegs zu sein, ausgespannt zwischen Himmel und Erde.
Ort ist das römische Weltreich der Antike.
Zeit, ungefähr um 250 nach Christus.
Die Christen: eine beargwöhnte und verfolgte Minderheit.
In dieser Situation schildert ein Unbekannter (wir kennen nur den Brief den er geschrieben hat, nicht aber seinen Namen) die Christen:

„Die Christen unterscheiden sich nicht durch Land, Sprache oder Sitten von den übrigen Menschen. Nirgendwo bewohnen sie eigene Städte, noch bedienen sie sich irgendeiner abweichenden Sprache, noch führen sie ein auffallendes Leben. (…)
Obwohl sie griechische und barbarische Städte bewohnen, (…), und die landesüblichen Sitten befolgen in Kleidung und Kost sowie im übrigen Lebensvollzug, legen sie doch eine erstaunliche (…) Lebensführung an den Tag.

Sie bewohnen das eigene Vaterland – aber wie Ausländer
Sie nehmen an allem teil wie Bürger – und ertragen alles wie Fremde.
Jede Fremde ist ihnen Vaterland – und jedes Vaterland eine Fremde.
Sie heiraten wie alle, zeugen und gebären Kinder – aber sie setzen die Neugeborenen nicht aus.
Ihren Tisch bieten sie als gemeinsam an – aber nicht ihr Bett.
Auf Erden weilen sie – aber im Himmel sind sie Bürger
Sie gehorchen den erlassenen Gesetzen – und mit der ihnen eigenen Lebensweise überbieten sie die Gesetze.

Sie lieben alle – und werden doch von allen verfolgt.
Man weiß nichts von ihnen – und verurteilt sie doch.
Sie werden getötet – und dennoch lebendig gemacht.
Sie sind arm – und machen doch viele reich.
An allem leiden sie Mangel – und haben dennoch alles im Überfluß.
Sie werden geschmäht – und sie segnen.
Die Christen wohnen in der Welt, sie sind aber nicht von der Welt.“

( Brief an Diognet, 4,6 – 6,10 in Auswahl, in: Schriften des Urchristentums, hrsg. von Klaus Wengst, München: Kösel 1984, 319ff. )

Diese Schilderung bewegt mich sehr. Denn hier wird von Menschen erzählt, die geglaubt haben wie wir auch. Menschen, die in dieser Welt gelebt haben, und die sich doch nicht von dieser Welt und ihren Regeln, von dieser Welt und ihrer Normalität bestimmen haben lassen.
Sie haben verstanden, dass die Hoffnung aus der, und auf die hin sie lebten, ihrem Leben eine andere Qualität verliehen hat. Es waren freie Menschen, weil sie aus ihrer Hoffnung gelebt haben. Sie haben in heilsamer Distanz zur Welt gelebt und haben sich ihr nicht angepasst.
Das hat sie sichtbar gemacht und auch angreifbar. Man hat sie angegriffen, weil sie anders waren,- und doch hat ihre Hoffnung und ihre Art zu leben, viele Menschen berührt und fasziniert.

Für mich bedeutet dieses heutige Wort einen Anstoß, nicht einfach das Ende der Krise abzuwarten, und dann weiterzuleben wie bisher. Ich will mich kritisch fragen: bin ich schon so verwurzelt in diesem Leben und seiner Normalität, dem was alle tun, – dass ich nicht mehr über den Horizont hinausschaue? Reise ich noch mit leichtem Gepäck, weil ich noch unterwegs bin?

IV. Reisen mit leichtem Gepäck

Ich möchte schließen mit einem Lied aus unserem Gesangbuch (EG 428). Es gehört zu den unbekannten Liedern. Ich habe es vor vielen Jahren durch unseren Jugendreferenten Claus Friese kennengelernt. Seitdem begleitet es mich. Es schlägt denselben Ton an, den ich im Hebräerbrief und im Brief an Diognet höre:

Komm in unsre stolze Welt, 
Herr, mit deiner Liebe Werben.
Überwinde Macht und Geld,
lass die Völker nicht verderben.
Wende Hass und Feindessinn
auf den Weg des Friedens hin.
Komm in unser reiches Land, 
der du Arme liebst und Schwache,
dass von Geiz und Unverstand
unser Menschenherz erwache.
Schaff aus unserem Überfluss,
Rettung dem, der hungern muss.
Komm in unsre laute Stadt,  
Herr, mit deines Schweigens Mitte,
dass, wer keinen Mut mehr hat,
sich von dir die Kraft erbitte
für den Weg durch Lärm und Streit
hin zu deiner Ewigkeit.
Komm in unser festes Haus, 
der du nackt und ungeborgen.
Mach ein leichtes Zelt daraus,
das uns deckt, kaum bis zum Morgen
Denn wer sicher wohnt vergisst,
dass er auf dem Weg noch ist.
Komm in unser dunkles Herz, 
Herr, mit deines Lichtes Fülle;
dass nicht Neid, Angst, Not und Schmerz
deine Wahrheit uns verhülle,
die auch noch in tiefer Nacht,
Menschenleben herrlich macht.